Willkommen im Menschenzeitalter!

Willkommen im Menschenzeitalter!

Im Jahre 2000 prägte der Nobelpreisträger Paul J. Crutzen den Begriff des „Anthropozäns“ als neues geologisches Erdzeitalter. Es beschreibt die neue Positionierung des Menschen als maßgebliche geologische Kraft: 77% der eisfreien Erdoberfläche sind vom Menschen genutzt oder modifiziert. Die menschenverursachten Erdbewegungen übersteigen die natürlichen Vorgänge von Erosion und Sedimentation um das 30-fache. Die Biomasse des Menschen und seiner Haustiere beträgt 80 % der gesamten Biomasse aller derzeit lebenden Säugetiere. Mehr als 90 Prozent allen Pflanzenwachstums findet in Systemen statt, die der Mensch beeinflusst. Süßwasser wird fast zur Hälfte vom Menschen kontrolliert. Der rund drei Millionen Tonnen schwere „große pazifischer Müllstrudel“ bildet einen Plastikteppich der Größe Mitteleuropas. Der Mensch verändert maßgeblich die Zusammensetzung der Atmosphäre und durch Umweltveränderungen die Evolution des irdischen Lebens…
Erstmals ist der Mensch nicht mehr ein Teil der Natur wie im Holozän, sondern beherrscht diese in weiten Teilen und ist damit untrennbar mit ihr verbunden. Der Dualismus zwischen der „guten“ Natur und dem „bösen“ Menschen (bzw. Technik) lässt sich nicht mehr aufrecht erhalten. Eine unberührte Natur gibt es praktisch nicht mehr. Natur und Kultur sind längst zu untrennbaren Teilen eines Gesamtsystems geworden. Diese Erkenntnis ermächtigt den Menschen in einer neuen Rolle als Erdgestalter, wodurch ihm die volle Verantwortung für den Planeten und seine Umwelt zukommt.

Das neue Naturverständnis, das den Menschen nicht im Konflikt mit seiner Umwelt sieht, sondern als entscheidenden Bestandteil der Ökosysteme identifiziert, eröffnet die Chance das Verhältnis von Landschaft und Stadt grundlegend zu überdenken. Landschaft und Stadt durchdringen sich in einem Maße, dass sich das eine nicht mehr vom anderen trennen lässt. Um die urbanisierte Welt als nachhaltigen Lebensraum zu entwickeln, müssen sie als synergetische Bestandteile eines Gesamtsystems gedacht werden. „Städte“ können als Stadtlandschaften gelesen werden, in denen das Zusammenspiel von gebauten Räumen und Grünräumen eine funktional-synergetische Einheit bilden. Infrastrukturen, Gebäude und Freiräume können systemisch ineinander greifen, so dass sie sich gegenseitig unterstützen. Menschliche Nutzung und ökologische Funktionalität sowie Soff- und Energieflüsse können in Beziehung gesetzt und aufeinander abgestimmt werden.
Die Komplexität einer so gedachten Stadtlandschaft stellt die planenden Professionen vor große methodische Herausforderungen. Systemisches Entwerfen komplexer Wirkungszusammenhänge fordert insbesondere inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit. Szenarien und Visionen müssen entwickelt, reflektiert und ausprobiert werden um die möglichen Auswirkungen unseres derzeitigen und zukünftigen Handelns zu erforschen und zu durchdringen. Städte stellen den Prototyp einer „menschengemachten Natur“ dar und können daher das Labor und die Experimentierfelder des neuen Zeitalters dienen. Denn letztlich geht es um nichts weniger als das Bewahren einer Schöpfung, die uns nur dauerhaft als Lebensraum dienen kann, wenn sie gärtnerisch gepflegt wird.