Konversion „Alte Spinnerei“ Markt Mainleus

Nichtoffener städtebaulicher Ideen- und Realisierungswettbewerb 2018
„Alte Spinnerei“ Markt Mainleus
Wettbewerbsbeitrag
in Zusammenarbeit mit STUDIO . URBANE STRATEGIEN Architektur & Stadtplanung, Prof. Dr. Martina Baum
www.urbane-strategien.com

Leitidee
Einst das wirtschaftliche Zentrum und vitaler Entwicklungsnukleus des Ortes ist die Spinnerei seit mittlerweile fünf Jahren zur Brache und Sinnbild des Industriellen Wandels und Niedergangs geworden. Die im Verfall begriffenen Gebäuden und die mit Ruderalpflanzen bewachsenen Freiflächen künden von dieser wechselvollen Geschichte und vermitteln augenblicklich einen morbiden Charme des Vergangenen. Dieses romantisierende Bild in die Vergangenheit hilft nur bedingt eine Vision für die Zukunft zu entwickeln. Zu stark haben sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert: Zu stark die Auswirkungen für die Marktgemeinde Mainleus.
Stadtplanung heißt, das Vergangene anzuerkennen, zu bewerten, in einen Kontext zu stellen und darauf aufbauend über die Zukunft nachzudenken und räumliche Qualitäten zu entwerfen, konzeptionell wie auch im Rahmen des Möglichen. Für die Zukunft von Mainleus und ihrem ehemals produktivem Herzen der Spinnerei bedeutet das aus unserer Sicht, ein stabiles Gerüst für Entwicklungen aufzuspannen, welches sich mit Nutzungen und Ideen sukzessive füllen kann. Ein Reset für diesen Ort. Ein neuer Ausgangszustand: Die Spinnerei als Sukzessionsort neuer urbaner Prozesse. In diesem Sinne ist nicht nur das Bauen wirksam, sondern ein Zusammenspiel aus räumlichem Gerüst, Einbindung in den Kontext, qualitätsvollen differenzierten produktiven und nutzbaren Freiräumen, Umnutzung von Bestehendem, Neubauten bei Bedarf, Inbesitznahme und Aneignung durch besondere Aktionen und alltägliche Benutzung.
Das Areal ist in Mainleus bekannt und im Bewusstsein der Bürgerschaft fest verwurzelt. Dies bietet die Chance, darauf aufbauend einen Ort zu schaffen, mit einer eigenen Identität im Zusammenspiel aus Geschichte und neuer Nutzung, mit dem sich die Menschen identifizieren können, der Teil ihres Alltags ist und wird. Die ehemalige Spinnerei wandelt sich von der abgeschlossenen Insel zu einem aktiven und integrierenden Bereich von Mainleus. Die monofunktionale Gewerbenutzung weicht einer bunten Mischung, die Bedarfe deckt, aber auch Möglichkeiten eröffnet. Die leere Mitte wird zum Potenzial für die Gemeinde einen neuen Ort für sich zu gestalten.

Städtebauliches Konzept
Der Betrachtungsraum des städtebaulichen Konzepts wird über den eigentlichen Grundstücksbereich der Spinnerei bis zur Holz- und Industriestraße erweitert. Das räumliche Gerüst bildet einen Ring von Entwicklungsfeldern aus, die von außen über die schon bestehenden Straßen (Industriestraße, Spinnereistraße, Holzstraße) erschlossen werden und in ein vielfältiges Freiraumnetz eingebettet sind. Die Ein­teilung in Entwicklungsfelder mit bestimmten Qualitäten, Aufgaben und Wirkun­gen ermöglicht eine schrittweise Entwicklung. Eine Nutzungsmischung aus Wohnen, Arbeiten, Frei­zeit und Angeboten für die Gemeinde verweben das Areal mit dem Gemeindegebiet und fördern die Identifikation mit dem in Transformation begriffenen Ort.
Das zentral gelegene, bislang jedoch unzugängliche Areal, wird in alle vier Himmelsrichtungen geöffnet und mit dem Gemeindekörper über Nutzungen wie Freiräume verflochten. Vier Freiraummagistralen verknüpfen durch das Areal hindurch, mit Hornschuchhausen im Osten, Bahnhof und Ortsmitte im Süden, den Wohnsiedlungen im Westen sowie dem Landschaftsraum mit Schloss Wernstein und Schaudichum im Norden. Die trennende Wirkung der Bahnlinie wird aufgehoben, mit einer neugestalteten, breiten Querung am Konrad-Popp-Platz sowie einer großzügigen Unterführung am Bahnhof.
Als geografische Mitte wird die Marktwiese, mit der Markthalle und dem Marktplatz als soziale und kulturelle Drehscheibe in Mainleus gedeutet. Die langgestreckte, ehemalige Lager- bzw. Werkstatthalle wird saniert und umgebaut. Im linken Gebäudeteil kann ein inklusiver und generationsübergreifender Bürgertreff verortet werden. Gastronomische und kulturelle Angebote wie Bürgerküche, Mittagstisch und Kulturcafé können hier stattfinden. Dem mittleren Gebäudeteil werden die Außenwände entfernt, so dass ein überdachter und witterungsgeschützter Freiraum, eine Freizeithalle entsteht. Der rechte Gebäudeteil beherbergt Werkstätten, Ateliers und Proberäume für eine Vielzahl möglicher Initiativen, Kollektive, Vereine und Kooperationen.
Das Heizhaus wird als Energiezentrale für das gesamte Areal bzw. den Norden der Marktgemeinde umgenutzt. Dort befindet sich ein Biomassekraftwerk, welches bis zur vollständigen Bebauung aller Entwicklungsfelder u.a. von den dort angepflanzten Energiepflanzen gespeist wird.

Freiraumkonzept
Das Schaffen einer Ortsidentität und eine sukzessive Entwicklung zusammen zu denken, ist die Grundidee des Freiraumkonzepts. Die Marktwiese und der Marktplatz sind ein vielschichtiger, mehrfachkodierter Freiraum zur Aneignung und Bespielung durch die Bürgerschaft. Es können Gemeinschaftsgärten entstehen, Spielruinen, Versteckwäldchen und sich selbst überlassene Sukzessionsflächen neugierig machen auf den Raum. Auch Veranstaltungen finden hier eine hervorragende Lokalität. Die Bodenplatten der ehemaligen Werksküche und Lagerschuppen werden erhalten, perforiert, aufgebrochen. Die Belagsflächen werden aus Recycling-Beton hergestellt.
Der Spinnereiplatz mit historischem Kesselhaus und Pförtnergebäude bildet das Entrée ins Spinnereigelände. Dem neuen Mainleuser Geschichts- und Spinnereimuseum ist der Spinnereiplatz mit allerlei industriekulturellen Fundstücke, Exponaten und Artefakten vorgelagert. Die Platzfläche ist mit verschiedenen Recyclingbelägen aus dem Areal befestigt. Der abgebrochene Kamin – einst weithin sichtbares Zeichen der Spinnerei – wird in seiner ursprünglichen Höhe als Neue Interpretation, z.B. als Lichtinstallation errichtet.
Wegweisend für eine Bewerbung zur kleinen Landesgartenschau Natur in der Stadt in Mainleus ist die Inszenierung der Erlebnisqualität des Sukzessionsprozesses und die gestalterische Inwertsetzung der arten- und blütenreichen Ruderalvegetation. Das Materialkonzept setzt konsequent auf eine kreative Wiederverwendung vorhandener Bausubstanz und Baumaterialen im Areal, und arbeitet gestalterisch mit Betonaufbruch, Recyclingbeton und Recyclingasphalt. Marktwiese, Marktplatz und Markthalle bieten großen Aneignungs- und Gestaltungsspielraum und ein charmantes, einzigartiges Flair für die temporäre Ausstellung.

Erschließungskonzept
Für die Erschließung der Entwicklungsfelder werden die schon bestehenden umgebenden Straßen genutzt: Industriestraße, Spinnereistraße und Holzstraße. Die bestehenden Ressourcen können somit optimal ausgenutzt werden, neue große Tiefbaumaßnahmen von Seiten der Gemeinde sind nicht notwendig. Die Entwicklungsfelder werden je nach Typologie über Höfe oder Gassen in die Tiefe erschlossen. Die Parkierung erfolgt auf den Baufeldern in den Typologien, Freiflächen oder in, die topographischen Lagequalitäten nutzenden, Tiefgaragen.
Beidseitig der Bahntrasse werden im Bereich des Bahnhofs ausreichend Parkplätze geschaffen, welche als Park & Ride – Parkplätze ausgewiesen werden können und den Besuchern der alten Spinnerei zur Verfügung stehen. Gegenüber dem bestehenden Bahnhofsgebäude entstehen Fahrradabstellanlagen sowie eine Bushaltestelle für den Stadtbus nach Kulmbach sowie für den Fernbus.

Nutzungen / Bauabschnitte / Zwischennutzungen
Für die Konversion des Spinnerei Geländes ist es wichtig eine Strategie zu entwickeln, die nicht nur räumli­che und programmatische, sondern gerade auch atmosphärische Komponenten enthält. Das Grundgerüst aus Entwicklungsfeldern und Freiraumnetz bildet dazu die Basis.
Für eine qualitätsvolle Entwicklung des Ortes bedarf es eines aktiven Gestaltens des Prozesses der Transformation. Es ist wichtig auszuloten, was möglich und für Mainleus angemessen ist. Das Areal muss im Alltag von Mainleus funktionieren. Besondere Elemente mit Außenwirkung über Mainleus hinaus, können und sollen diese Alltäglichkeit ergänzen, aber nicht die Hauptträger der Entwicklung stehen.
Der Faktor Zeit wird als wichtiger Bestandteil der Entwicklung mitgedacht. Die Entwicklungsfelder können sich entsprechend der Bedarfe und Nachfrage sukzessive füllen, sind aber bereits ab Beginn der Transformation räumlich ablesbar und als produktive Freiräume wirksam. Die vorhandenen Ressourcen, wie die schon bestehende Erschließung, die zu erhaltenden Gebäude und Freiraumelemente, werden aktiviert und starten den Prozess. Auch der Abriss der nicht zu erhaltenden Bestandsbauten ist ein wichtiger Schritt für den Neuanfang. Aktionen und die neue Durchwegung schließen den Ort zudem auf und verbinden ihn mit dem Gemeindegebiet. Die Entwicklung bietet zu jedem Zeitpunkt auch die Möglichkeit ein dauerhafter Zustand zu bleiben. Entwicklungsfelder bleiben dann produktive Freiräume und sind so wirksam.

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