Neugestaltung Schmalzmarkt, Stuttgart Gablenberg

Nichtoffener Realisierungswettbewerb
Schmalzmarkt mit Ideenteil Gablenberger Hauptstraße
3. Preis
in Zusammenarbeit mit ISA Internationales Stadtbauatelier,
BrennerPlan GmbH Planungsgesellschaft für Verkehr, Stadt und Umwelt und
Wolfram Gothe Illustrator
www.stadtbauatelier.de
www.brennerplan.de
www.wolframgothe.de

Stadtraum / ökonomische Nachhaltigkeit
Wesentliche Bestandteile des heutigen Platzraumes werden erhalten. Das Privileg kostspieliger Wasserspiele kann somit kostenneutral gesichert werden. Die intakten Belagsflächen im inneren Platzbereich bleiben bestehen und dienen weiterhin dem namensgebenden Gablenberger Wochenmarkt als Aufstellflächen. Die Investitionen für die Neugestaltung des Schmalzmarktes konzentrieren sich auf die Erhöhung der Aufenthaltsqualität. Zudem werden Mittel frei für die Ausweitung des Platzraumes in den Straßenraum der Gablenberger Hauptstraße. Der neue Schmalzmarkt spannt von Fassade zu Fassade. Er wird befreit von seinen abschirmenden Mauern, die durch durchlässige Stufenanlagen ersetzt werden, die gleichzeitig als Sitzstufen dem Aufenthalt dienen. Neu angelegte Baumfelder mit wassergebundenen Wegedecken holen den Platzcharakter unter dem mächtigen Baumbestand hervor, stärken seine stadträumliche Wahrnehmbarkeit und bereichern die Aufenthaltsqualität.
Das modulare Freiraumkonzept für die Gablenberger Hauptstraße erlaubt es unterschiedlichsten Dienstleisten, Gastronomen, Einzelhändlern, Einrichtungen oder Gewerbetreibenden, das Geschäftsumfeld mit spezifischen Freiraumelementen zu individualisieren. Die bedarfsgerechte Anlagerung mit Angeboten zu Bewirtung, Aufenthalt oder Mobilität sind eine attraktive Stärkung des Gewerbestandortes. Die Flexibilität der mobilen Freiraummodule macht Gablenberg resilient für die Herausforderungen im Stadtraum und der Stadtteilökonomie der Zukunft.

Stadtklima / ökologische Nachhaltigkeit
Der mächtige Baumbestand am Schmalzmarkt bleibt vollständig erhalten und ist Garant für ein gutes Mikroklima vor Ort. Im lichten Schatten der Platanen werden attraktive, kommunikative Sitzgelegenheiten angeboten. Zusammen mit dem bestehenden Wasserlauf entsteht ein sehr lebendiger, städtischer Freiraum, der sowohl für Kinder als auch für alte Menschen eine hohe Erlebnis- und Aufenthaltsqualität bietet. Die Gastronomie am Standort wird gestärkt durch großzügigere Aufstellflächen zur Bewirtung im Freien. Die Bauminseln des neuen Schmalzmarktes werden entsiegelt und mit wasserdurchlässigen, ungebundenen Wegedecken ausgeführt. Ein Teil des Oberflächenwassers kann hier im öffentlichen Raum infiltriert, gereinigt und den Wurzeln der Bäume zugeführt werden. Der Versieglungsgrad wird gegenüber dem Bestand verringert. Auch die Verwendung von Sickerpflaster trägt ihren Teil dazu bei.
Eine gute Vernetzung von ÖPNV, Taxis, Sharing- und E-Mobilitätsangeboten macht sich stark für eine zukunftsweisende, nachhaltige Mobilität in Gablenberg. Eine maßgebliche Stärkung von Fahrrad und E-Bike im Verkehrskonzept, sowie Ladestationen und E-Bikemietstationen im Stadtgebiet befördern eine
emissionsfreie und gesundheitsfördernde Mobilität.

Aufenthaltsqualität / soziale Nachhaltigkeit
Raum für Aneignung und Identifikationswert sind der Garant für eine soziale Nachhaltigkeit im öffentlichen Freiraum. Die räumlich-visuelle Vielfalt im Verlauf der Gablenberger Hauptstraße ermöglicht die persönliche Aneignung der Straßenräume und interpretiert diese als Raum für Alle und von Allen. Mit der Bespielbarkeit der Längsparkplätze durch Freiraummodule, erhalten auch Vereine, bürgerliche Initiativen oder sozialen Einrichtungen die Möglichkeit, sogenannte Parklets nach individuellen Bedürfnissen und Ideen temporär zu gestalten. Die Möglichkeit einer unmittelbaren Partizipation an der Quartiersgestaltung entfaltet ein großes Identifikationspotential. Die Parklet-Projekte können das bürgerschaftliche Engagement katalysieren und als Methode der Quartiersarbeit durch das Quartiersmanagement begleitet werden.
Im Wechsel der Straßenseiten alternierende Mastleuchten sorgen für eine gute, gleichmäßige Grundausleuchtung des Straßenraums in der Dunkelheit, was für das Sicherheitsgefühl wichtig ist. Zusätzlich zu den Mastleuchten werden durch gezielte Akzentbeleuchtungen im modularen Freiraumband einzelne Lichtinseln geschaffen. Auf dem Schmalzmarkt stehen die Mastleuchten in einer wilden Anordnung, die ein lebhaftes Lichtbild am Stadtboden abzeichnen. Im Bereich der platzartigen Aufweitungen bei Kirche und Discounter akzentuiert sich auch das Lichtbild mit einer engeren Anordnung der Lichtmasten. Gerichtetes Licht kann auf Fassaden, Baumkronen und Belagsflächen
zusätzliche atmosphärische Dichte erzeugen. Die neu gestalteten Freiräume werden durchgängig nach den Grundsätzen des barrierefreien Baues im öffentlichen Raum geplant. Auch die Bushaltestellen werden barrierefrei ausgebaut.

Gablenberger Hauptstraße

Der Parkplatz als „Freiraum-Währung“
Durch die Fahrbahnverengung können in der Gablenberger Hauptstraße durchgängig Längsparkplätze angeboten werden. Die Raumeinheit „Längsparkplatz“ dient jedoch nicht nur dem ruhenden Verkehr, sondern ist die verhandelbare, modifizierbare und individuell bespielbare „Freiraum-Währung“ Gablenbergs. Auf der Breite von 2 m ist durch ein Streifenmuster im Pflasterbelag ein flexibles, modulares Parkierungs- und Freiraumband ausgewiesen, das den wechselnden, örtlichen Bedürfnissen und Erdgeschossnutzungen angepasst werden kann. So wird es möglich, trotz des schmalen Straßenquerschnitts einen attraktiven, abwechslungsreichen und lebendigen Stadtraum zu erzeugen. Auf der Fläche von 6 x 2 m können modular, teils temporär und mobil, verschiedenste Freiraumfunktionen und -qualitäten aufgenommen werden: Außenbewirtung, Sitzgelegenheiten, Sonnenschutz, Pflanztröge, Infosäulen, Fahrradstellplätze, Carsharing etc.

Sozialer Stadtraum
Die Durchfahrtsstraße des ehemaligen Wengerterdorfes Gablenberg erschließt einen städtebaulich heterogenen Stadtraum. Die Eigenständigkeit des Stadtteils ist im Zuge der Assimilation durch das Stuttgarter Stadtgebiet verloren gegangen. Eine durchgängige Belagsgestaltung mit großer Eigenständigkeit, soll den Stadtteil in seiner Ablesbarkeit und Identität stärken. Die Gablenberger Hauptstraße erhält in ihrem Verlauf eine Gliederung und Rhythmik, die nicht nur den Schmalzmarkt als Platzraum stärken, sondern auch „Ortseingänge“ ablesbar machen, die prägende Petruskirche wieder als Ortsmittelpunkt stärken und das Nahversorgungszentrum mit einer Platzaufweitung markieren. So entstehen Raumfolgen, die die Wahrnehmung des Stadtraums lebhaft, attraktiv und abwechslungsreich machen.
Die bereits vorhandenen, städtebaulichen Raumaufweitungen im Straßenverlauf, beim Discounter und Petruskirche, werden durch einen Farbwechsel im Fahrbahnbelag optisch an den Pflasterbelag der Fußgängerbereiche angeglichen. Die gestalterische Durchgängigkeit bewirkt einen Platzcharakter, der beim Autofahrer ein Moment der Verunsicherung erzeugt, was zur Achtsamkeit und zur Verkehrssicherheit aller Verkehrsteilnehmer beiträgt. Die hier ohnehin häufig stattfindenden Querungen durch Fußgänger werden dadurch sicherer. Die Beschichtung der Fahrbahn mit den Schriftzügen „GABLENBERG“ markieren die Entrées nach Gablenberg aus beiden Richtungen kommend und stärken die Selbstgewissheit des Stadtteils.

Nachhaltige Mobilität
Die reduzierte Fahrbahnbreite von 6,50 m erlaubt den Begegnungsverkehr von Gelenkbussen und schafft darüber hinaus genügend Raum für durchgängige Längsparkplätze, Baumpflanzungen sowie beidseitig großzügige Gehwege. Die Reduzierung des Querschnitts, die Bushaltestellen auf der Fahrbahn und die häufigen Fußgängersignalanlagen erwirken bereits eine Verkehrsberuhigung in Gablenberg, ohne die nominell zulässige Höchstgeschwindigkeit einzuschränken. Zudem führt der Wechsel der Belagsoberflächen in der Fahrbahn zu einer weiteren Reduzierung der Durchfahrtsgeschwindigkeit und verbessert die Verkehrssicherheit für querende Fußgänger. Ein Durchfahrtsverbot für Schwerlastverkehr und eine Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf 40 km/h wären trotzdem zu begrüßen.
Mit Rundborden von 3 cm Sichthöhe ist eine barrierefreie Querung der Fahrbahn allerorts möglich. Für Kinder, geh- oder sehbehinderte Menschen gibt es zudem in regelmäßigen, teils engen Abständen, signalisierte Fußgängerfurten die ein sicheres Queren der Fahrbahn jederzeit sicherstellen. Gleiches gilt für die gepflasterten Einmündungsbereiche der Quartiersstraßen, die dem motorisierten Verkehr als Aufmerksamkeitsfelder dienen und die Durchgängigkeit für Fußgänger in Gablenberg stärken.
Die Bushaltestellen werden barrierefrei ausgebaut, der Haltebereich liegt auf der Fahrbahn, was zur Verlangsamung und Reduzierung des MIV-Durchgangsverkehrs beiträgt. Neue Mobilitätskonzepte hingegen werden gefördert, mit privilegierten Standorten für Carsharing- und E-Mobilitäts-Parkplätzen. Fahrradmietstationen, E-Bike-Ladestationen und Fahrradabstellanlagen werden in direkter Nähe zu den ÖPNV-Haltestelle und an zentralen Orten angeboten. Ein Fahrradschutzstreifen in Richtung bergauf, soll den Stellenwert des Fahrrads in Stuttgart stärken und zu einer emissionsfreien und gesundheitsfördernden Mobilitätskultur motivieren. Bergab kann der Radverkehr leichter mit dem motorisierten Verkehr mitfließen und ist daher nicht auf einen Schutzstreifen angewiesen.

Stadtklima / Stadtökologie
Eine gleichmäßige Rhythmik von Baumpflanzungen kennzeichnet und qualifiziert die Hauptschlagader des Stadtteils. Sie erzeugen Durchgängigkeit in der heterogenen Baustruktur und verleihen dem Verkehrsraum menschlichen Maßstab und Aufenthaltsqualität. Baumpflanzungen aus heimischen, stadtklimaverträglichen Ulmen sind ein Beitrag zur Stadtökologie im Bereich der ehemaligen Talaue des Klingenbachs. Sie sind ein entscheidender Beitrag für ein lebenswertes Stadtklima, sorgen für kühlende Luftfeuchtigkeit und Aufenthaltsqualität im lichten Schatten der Baumkronen.
Bei den beiden Aufweitungen bei Kirche und Discounter verdichten sich auch die Baumpflanzungen mit einer engeren Anordnung. Gleichzeitig sind hier die Anknüpfungspunkte für die Freiraumvernetzung zur Naherholung im Stadtteil. Einerseits entsteht ein Anbindungspunkt zum Gablenberger Friedhof und zur Buchwaldstaffel, andererseits zum Faulleder Anwohnerpark mit Spielplatz sowie zur „Hundewiese“ in Richtung Panorama-Hangweg Gaisemer.
Die Baumbeete sind Teil des modularen Freiraumsystems und stellen Bausteine einer blau-grünen, städtischen Infrastruktur dar. Die Baumbeete liegen als Retentionsflächen etwas tiefer und werden mit einer ökologisch wertvollen Gräser- und Wildstaudenpflanzung aufgewertet. Eine mineralische Mulchschicht an der Oberfläche und Kiesrigolen im Untergrund können einen Teil des anfallenden Oberflächenwassers zurückhalten, verdunsten und somit zu einem angenehmen Stadtklima beitragen bzw. das Regenwasser reinigen, infiltrieren und dem Grundwasserkörper zuführen. Überschüssige Wassermengen werden dem konventionellen unterirdischen Abwassersystem zugeführt. Auch das modulare Freiraumbande wird mit Sickerfugen ausgeführt, die zu einem sensiblen Umgang mit dem Wasserhaushalt beitragen.

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